Tanztheoretischer und leibphilosophischer Exkurs zum Thema
Körperkult - Körperkunst

Teil 1 / Auszug

Körper ist das Primärinstrument unserer Existenz. Im Tanz wird immer sichtbar, dass es um mehr geht, als um einen formalen Vorgang und den technischen Ablauf einer Bewegung.
Auch wenn die Analyse der körpertechnischen bzw. tanztechnischen Arbeitsmethoden unerlässlich ist, so kann sie doch nur Teil eines Gesamtverständnisses dem zeitgenössichen Tanz gegenüber sein. Ich verstehe Tanz als Synthese von Körper, Geist und Seele. Aus diesem Verständnis heraus wird mir Tanz und Bewegung zur Leib- Körperkunst. Hermann Schmitz erklärt in seiner Leibphilosophie: Der Körper ist nicht das, was gespürt wird, sondern das, was gesehen wird.

Körper ist allgegenwärtig, Körper ist das Primärinstrument unserer Existenz. Körper ist elementarster Ausdruck unseres Seins. Wir erfahren uns über unseren Körper. Wir leben in ihm und mit ihm. Wir identifizieren uns mit unserem Erscheinungsbild: KÖRPER. Wir investieren in ihn. In seine Oberfläche. Wir trimmen die Haut und die Muskeln, wir glätten die Haare oder toupieren sie. Wir wollen dicker, dünner, kleiner, größer sein und stecken unsere Füße in Schuhe, die unseren Rist in formvollendeter, weil gerade gängiger Schönheit, zeigen sollen. KÖRPER. Wir investieren in seine Funktionstüchtigkeit und in einen reibungslosen Ablauf der Stoffwechselvorgänge. Wir gebrauchen Körper als Leistungsinstrument und stehen ihm in einem objekthaften Bezug gegenüber. Solange wir aber nicht unseren Körper in das Subjekthafte zurückführen, werden wir unter dem schmerzhaften Getrenntsein von uns selbst leiden. Wir erfahren Körper nicht in der Einheit des gesamten Befindens von Leib. Denn Leib meint die Gesamtheit des komplexen Zusammenwirkens von Körper-Geist-Seele. Was aber hat es mit dieser peniblen Unterscheidung von Begriffen auf sich?

Aus dem Buch "Die verdeckte Wirklichkeit" - Einführung in die neue Phänomenologie von Hermann Schmitz - von Jens Soentgens, ist zu entnehmen:

Im ersten Synonymenlexikon der deutschen Sprache, dem Versuch in richtiger Bestimmung einiger gleichbedeutenden Wörter der deutschen Sprache von Samuel Stosch, das im Jahr 1780 erschien, lesen wir unter Nummer 62: Leib.Körper folgendes:
"Eigentlich braucht man das Wort Leib, nur von lebendigen, und Körper, von leblosen Geschöpfen. Man sagt: Der Leib des Menschen. Der Körper der Sonne. So auch von Thieren: Dieser Ochse hat einen starken Leib, er ist gut bei Leibe. Hingegen der Stein ist ein vester, das Wachs ein weicher, das Wasser ein flüßiger Körper. Uneigentlich sagt man auch von einem Menschen: Er pflegt seinen Körper, aber es ist nur im Scherz, man beschuldigt ihn damit gleichsam einer gewissen Trägheit, daß er gar zu sehr die Ruhe liebe, und fast wie ein blosser Körper ohne Bewegung sey. Bisweilen braucht man auch das Wort Körper, in einem sehr weitläufigen Sinn, und verstehet dadurch alles, was eine Ausdehnung hat, und dann kann man lebendige und leblose Körper unterscheiden. In der Zergliederungskunst, nennet man auch einen Leichnam einen Körper. Man sagt: Einen Körper zergliedern."
Ein interessantes Dokument, denn offenbar war der Sprachgebrauch vor zweihundert Jahren ein völlig anderer als heute: Das Wort Leib war das gebräuchliche, vom Körper sprachen nur die Wissenschaftler, die Anatomen und die Naturforscher. Allenfalls im Scherz so erklärt Stosch, sagte man auch in der Umgangssprache, daß jemand seinen Körper pflegt. Wenn es heute gerade umgekehrt ist, wenn heute alle Welt vom Körper spricht, während das Wort "Leib" merkwürdig altmodisch klingt, dann zeigt sich darin mehr als nur eine Verschiebung im Wortschatz. Wörter sind nicht einfach nur Bezeichnungen, sie rücken das Bezeichnete auch immer in ein bestimmtes Licht, sie perspektivieren es auf unterschiedliche Weise. Mit dem Wort Körper hat sich eine bestimmte Perspektive durchgesetzt; zugleich wurde eine andere Perspektive, für die das Wort Leib stand, abgedrängt. Sie überwintert jetzt in vereinzelten Enklaven.

Der zeitgenössische Tanz stellt so eine Enklave dar. Er könnte eine neue Ära des Körpers und der Wahrnehmung von Körperlichkeit - ausgehend von den Ideen der Leibphilosophie - heraufbeschwören. Tanz ist nicht nur bloß Körperkunst, tanzen und sich bewegen ist Freiheitsprivileg des Menschen. Tanz ist Körper-er-Leben in unmittelbarster Weise. Tanzkünstlerische Identität und ästhetische Ausdrucksweise hängen eng zusammen. Körper und Körperkunst ist Spiegel der Realität und der Wahrheit, die wir leben. Im weitesten Sinn ist Körper Ausdruck unserer Befindlichkeit und unseres Seins, und Körper legt Zeugnis ab von der Zeit und der Gesellschaft in der wir leben.

Wie sozialwissenschaftliche Studien belegen, wird in rigiden Gesellschaften wenig getanzt, bzw. ist der Tanz strengen Ordnungssystemen unterworfen. Dabei ist es einerlei ob es sich um Unterhaltungstänze und Gesellschaftstänze handelt oder um den Tanz als Kunstform. Hat sich das klassisch-romantische Ballett im 17. Jahrhundert aus dem höfischen Menuett heraus entwickelt, und war dieses Ausdruck eines monarchisch-royalistischen Systems, und gab es vor allem die hierarchischen Strukturen durch Solist (König) und corps de ballett (Volk) wieder, so begann um die Jahrhundertwende die große Revolution des Tanzes. Das ablegen der Spitzenschuhe und der engen Tanzkorsette ging einher mit einer "Demokratisierung des Körpers" und einer allgemeinen Aufbruchsstimung in Richtung Demokratie.

Tanztheoretischer Teil: Methodik und Technik

Teil 2 / Auszüge

Die Organisch-Organisierte Grundkörperhaltung, das Gehen und die Historie des Körpers sind drei der wesentlichsten Eckpfeiler, auf denen ich meine Methodik und die Lehre von der Organisch-Organisierten Bewegung aufbaue. Diese drei Eckpfeiler möchte ich hier kurz umrissen vorstellen.

1. Die Organisch-organisierte Grundkörperhaltung

Unter der Organisch-organisierten Grundkörperhaltung ist der ausgewogene Zustand des Muskeltonus, des Atemrhythmus und eine entsprechende Plazierung der Wirbelsäule und Gelenke, also des Skelettes, in einer passiven aber handlungsbereiten Ausgangshaltung des Körpers zu verstehen. Die Organisch-Organisierte Grundkörperhaltung ist der vorbereitende Ausgangspunkt unter deren Aspekt sich jedes weitere tänzerische Handeln sowohl anatomisch als auch formal entwirft. Die Organisch-organisierte Grundkörperhaltung vermittelt ein erstes Grundverständnis über anatomische und funktionale Zusammenhänge ebenso, wie sie psychische Anwesenheit und persönliche Präsenz fördert bzw. bedingt.

Der Aufbau der Organisch-organisierten Grundkörperhaltung:

Die Füße
Die Füße sind der direkte Kontaktträger zur Erde. Sie tragen, halten und führen den Körper. Sie geben ihm Stabilität und Sicherheit von der Basis her. Das Körpergewicht wird auf den Füßen leicht fersenwärts verlagert, es ist am Fersenmittelpunkt, auf den Außen- und Innenballenpunkten gleichmäßig verteilt. Die Zehen sind entspannt und ruhen am Boden.

Die Knie
Die Fuß- und Kniegelenke sind gelöst und ruhen in sich. Die Kniegelenke sind weder gebeugt noch durchgedrückt und jederzeit bereit bewegt zu werden. Die Kniescheibe ist nicht fixiert. Werden die Knie gebeugt so kommen sie in einer direkten Linie über die Fußmitte.

Das Becken
Das Becken wird mit Hilfe der Schwerpunktsteißbeinachse vom oberen Beckenrand her nach rückwärts gekippt. Die Leiste ist dadurch gestreckt, geöffnet und beweglich. Durch das Kippen des oberen Beckenrandes nach rückwärts, wird der Rücken in eine natürliche Dehnung (Weite) und Streckung gebracht.

Die Wirbelsäule
Die Wirbelsäule wird von ihrem unteren Ansatz dem Steißbein bis zur Halswirbelsäule in einen ihr entsprechenden Verlauf gebracht. Der Nacken wird aus dem Nackenansatzpunkt (Punkt zwischen der unteren Hinterhauptmuskulatur) gestreckt. So ist die Halswirbelsäule weder nach hinten geknickt noch nach vorne überdehnt und die gesamte Wirbelsäule wird durch diesen Gegenzug von UNTEN - OBEN d. h. durch die Steißbein - Nackenansatzpunktstreckung entlastend plaziert.

Der Kopf
Die korrekte Haltung der Wirbelsäule ermöglicht dem Kopf sich frei, fast lose auf der Halswirbelsäule zu plazieren.

Der Schultergürtel
Der Schultergürtel liegt parallel über dem Becken.

Die Arme
Die Arme hängen gelöst und entspannt an den Körperseiten herab.

Das Gesicht
Der Mund weich und geschlossen, der Kiefer und das gesamte Gesicht ist ebenfalls entspannt.

Der Blick
Der Blick ist offen und nach vorne gerichtet. Es ist immer ein "Gegenüber" intendiert.

Die zwei Hauptachsen der Organisch-Organisierten Grundkörperhaltung
Die vordere und die rückwärtige Körperachse

Die vordere Achse der Körperfront, die die Ausrichtung und die Organisation der Organisch-Organisierten Grundkörperhaltung unterstützt, dient dem Wahrnehmen und einem Ausbalancieren der Mitte.
Sie besteht aus: Dem Schwerpunkt (physikalische Mitte), dem Solarplexus (Sonnengeflecht) und der Epiphyse (Zirbeldrüse).

Die rückwärtige Achse des Körpers, die die Streckung der Wirbelsäule unterstützt und das Wahrnehmen des rückwärtigen Körpers und seiner Bewegungsmöglichkeiten unterstützt, besteht aus: Dem Steißbein, dem Nackenansatzpunkt und dem Scheitelmittelpunkt.

Der gesundheitliche Aspekt der Organisch-Organisierten Grundkörperhaltung

Neben dem ästhetischen Effekt, ist der gesundheitliche Aspekt der weitaus wichtigere. Durch die Organisch-Organisierte Grundkörperhaltung wird einer Vielzahl von Gelenksschäden, Wirbelsäulendeformationen und im allgemeinen vielen orthopädischen Erkrankungen positiv entgegengewirkt. Muskuläre Verspannungen und Verkrampfungen werden gelöst, oft sogar, durch die Neuorganisation des Skelettes, dauerhaft behoben.

Die Organisch-Organisierte Grundkörperhaltung bewirkt:
1. Ausgewogenheit des Muskeltonus. Durch die Neuplazierung des Gelenksapparates verändern sich die Spannungsverhältnisse zum Positiven, es kommt zu einer inneren und äußeren Spannungsbalance.
2. Ausgewogenheit des Atemrhythmus
3. Dass kein unnötiger Energieverschleiß stattfindet, da die Energie, die z. B. zur Aufrechterhaltung einer Muskelverspannung eingesetzt wird und dort gebunden ist, nun zur Umsetzung von Bewegungsabläufen und zur Bewältigung von vielfältigen anderen Situationen, z. B. kann Stress besser bewältigt werden, zur Verfügung steht. Die Organisch-Organisierte Grundkörperhaltung kann daher helfen einen Handlungsfreiraum in physischer und in psychischer Hinsicht zu schaffen.

Skizze: Fuss

2. Das Gehen

Nach dem Aufrichten des Körpers und des sich Einfindens in der Organisch-Organisierten Grundkörperhaltung ist das Gehen die erste Fortbewgung im Raum. Aus der Logik des Gehens heraus entwickelt sich jeder Tanz. Gehen ist somit für den Tanz, sei es in der tänzerischen oder choreografischen Gestaltung, einer der elementarsten Bausteine.
Im Gehen erleben wir das permanente Umschichten des Körpergewichtes von einem auf den anderen Fuß und selbst im Stehen am Ort, vollzieht sich, als subtiler, kaum wahrnehmbarer Balanceakt unserer Gehirnfunktion, die Übertragung des Gewichtes von einem Fuß auf den anderen. Gehen folgt in einem kohärenten Ablauf dem Prinzip von Spannen und Lösen und ist ein dynamisch-aktiver Bewegungszustand. Das Prinzip des Gehens, im Sinne einer permanenten Gewichtsumschichtung und eines natürlichen asymetrischen Gegenzuges, vollzieht sich selbst in komplexeren körperlich-räumlichen Lagen, was z. B. bei tänzerischen Aufgaben, die sich ausschließlich auf die Ebene des Bodens konzentrieren, sichtbar wird.
Gehen setzt Raum voraus und erfordert das Verständnis von räumlich-zeitlichen Wirkkräften. Es bringt, eine sich ständig verändernde räumliche Situation und Wahrnehmung mit sich. Zudem verändert sich im Prozess des Gehens das soziale Bezugsfeld permanent. Gehen erfordert demgemäß eine hohe psychische Flexibilität. Gehen schafft neue Nähe oder Distanz: Sich auf jemanden zubewegen oder sich von jemanden wegbewegen.
Durch das Gehen wird die Bewegungsrichtung im Raum bestimmt, dadurch wird der Raum gegliedert: Je nach Gruppengröße und Interaktion teilt oder viertelt sich der Raum zum Beispiel. Selbst wenn das Gehen völlig frei im Raum stattfindet, werden wir den sich ständig verändernden Raum wahrnehmen.
Gehen schafft räumliche Struktur und legt diese - wie flüchtig wir diese auch wahrnehmen oder wie immer diese geartet ist - fest: z. B. Hintergrund - Vordergrund oder Mittelpunkt - Radius.

Befinden wir uns während des Gehens in einem ausgewogenen Spannungsverhältnis, d. h. ist der Körper organisch-organisiert und ist die psychische und sinnliche Wahrnehmung auf das Ereignis "GEHEN" gerichtet, erleben wir, dass es uns möglich ist, uns mit einem Minimum an Krafteinsatz fortzubewegen. Zudem erfahren wir, dass während eines relativ einfachen und doch komplexen Bewegungsvorganges, wie dem Gehen, unser gesamter, darunter auch unser "instinkthafter" Körper beteiligt ist und zum Einsatz kommt. Dadurch wiederum können wir uns in einem sichereren und entspannteren räumlichen und sozialen Bezugsfeld bewegen.

3. Die Historie des Körpers

Jeder Körper hat eine im eigene Geschichte, die im "Körpergedächtnis" aufgezeichnet ist. Darin ist jede Erfahrung und die daran gekoppelte Empfindung als Erinnerung gespeichert. Nehmen wir an, dass der Körper die Schaltstelle des Außen zum Innen ist und umgekehrt, das Innen die Schaltstelle zum Außen, dann greifen die gespeicherten Erinnerungen in die aktuellen Erfahrungen ein und umgekehrt.
Die Historie des Körpers bezeichnet ein komplexes Ganzes, das grob skizziert aus: Seinem Vergangenheitspotential, seinem Gegenwartspotential und seinem Zukunftspotential besteht. In der Beschäftigung mit der Historie des eigenen Körpers, wird dem Körper seine eigene Geschichte vertraut gemacht, d. h. z. B. die Vergangenheit des Körpers nachvollziehend erinnern, sie zu integrieren, um den Körper in einen bewußten Zustand seines Gegenwartspotentiales zu führen, um ihm zu ermöglichen ein nicht an die Vergangenheit gebundenes Zukunftspotential zu leben.
Wenn sich ein/e angehende/r Tänzer/in z. B. hochgezogene Schultern angeeignet hat, dann erzählt uns das eine Geschichte, egal um welche Interpretationen es sich handeln wird. Wir werden diese hochgezogene Schultern sehen und wir werden sie interpretieren, aber die/der Tänzer/in wollte uns womöglich eine völlig andere Geschichte erzählen und vermitteln. Hin und wieder, im alltäglichen Leben brauchen wir hochgezogenen Schultern, um uns z. B. zurückzuziehen o. ä.. Als Tanz- und Körperkünstler/in sollte ich, über das, was die Geschichte meines Körpers ausmacht und wie sich diese ausdrückt, sehr genau Bescheid wissen: Als Körperkünstler streben wir aus der Vergangenheit des Körpers in die Gegenwart des Körpers, in seine "Neutralität", um in seine Zukunft zu gelangen und damit zur "Abstraktionsfähigkeit des Körpers".