Literarisches Potpourri

Bestehend aus:

Reminiszenzen an den Lärm

Das Ausloten des Lärms, und dann ist da die Stille. Eine Ruhe, der wir nicht gewachsen sind. Ein Berg aus Frieden und Geborgenheit, den wir nicht besteigen wollen. Zu viel und zu lange haben wir uns schon an den Lärm gewöhnt.
Und die Abwesenheit des Lärms beunruhigt uns, erzeugt einen anderen, einen neuen Lärm. Es schreit. Innen. Er bleibt ungehört. Draußen. Und der Lärm drinnen bleibt eingesperrt. Das nennen wir dann Hunger. Nach Leben. Oder wir warten, bis sich der Lärm verzieht. Das nennen wir dann Reife. Nicht Abgestumpftheit. Nicht Angepasstheit sondern Reife.
Unangepasstheit wird therapiert. Zu viel Angepasstheit wird auch therapiert. Und wenn wir dann alle zu niedlichen Bonsais geworden sind, nennen wir uns kultivierte Menschen. Der Lärm wird immer lauter. Drinnen. Draußen ungehört. Unerhört wie laut es manchmal in einem Menschen werden kann. Überhaupt bei geschlossenem Fenster.
Macht einer die Tür auf, bitte?
Ihr müsst leise sein.
Sehr leise.
Da sitzt einer der denkt zu laut.
Und dort drüben sitzt einer der zerquetscht gerade einen Furz zwischen seinen Arschbacken.
So seid doch still!
Endlich still!
Und was soll das schon wieder?
Vernehmen wir nicht alle – das kommt aus dieser Ecke – ja genau von dort – unglaublich – einen Herzschlag.
Penetrant ist das.
Seien sie doch still und stellen sie endlich das Schlagen ihrer Herzen ein.
Und warum atmen sie so laut? Auch Rülpsen ist ihnen untersagt! Zu Hilfe! Zwangsjacken, gute Manieren und kleinkarierte Hemden. Wir hätten da noch die Psychiatrie für Sie. Im Fall, dass Sie sich als einer von diesen hoffnungslosen Fällen entpuppen. Zu laut. Oder Sie sich aus dem Fenster stürzen wollen. Auch verfügen wir über Methoden der Kommunikation und Bildung, das lärmende eigenwillige Denken wird Ihnen schon noch vergehen. Zur Not gibt es da noch Alkohol – allgegenwärtig – ein wahres Wundermittel. Surrogat der Superlative! Sicher als erste Reaktion könnten sich Ihre Symptome verschlimmern. Sie könnten randalieren. Manche kippen gleich um und schlafen sozusagen eingeknickt am Tisch ein.
Ohne Verzögerung.
Die anderen lärmen.
Und während die anderen lärmen, geht das Leben draußen weiter. Wohlgemerkt draußen. Drinnen wird es immer lauter. Wie gesagt ungehört. Verbeißen Sie sich nicht in die Idee, dass Sie sich zurückziehen könnten und einfach aufhören könnten zu atmen. Es würde bemerkt werden. Sie würden eine unheimliche Stille verbreiten. Man würde Sie ganz einfach in das Leben zurückohrfeigen.
In den Lärm.
Auch Ihr Zähneknirschen ist verpönt! Vor allem, wenn es nächtens erfolgt.
Zu laut.
Störend.
Innere Lumpen und Kläffer verrichten mit schlafwandlerischer Sicherheit ihren Traum. Unerhört! Mucken nie auf. Sind der Meinung, dass sie ihr Leben frei gewählt haben und sind der Meinung, dass auch andere ihr Leben frei zu wählen haben. Abweichungen von der freien Wahl werden geahntet.
Still jetzt!
Denken Sie schon wieder zu laut?

© Mona May, April 2003
Ode an das eigen gewordene Fragezeichen

Das eigen gewordene das ich bin – das wir / Schrägstrich verbundene die Körperachse gratgewandert zwischen Norm und Abnorm. Punkt.
Dieser Raum zwischen ich und wir ist nicht nichts. Er existiert. Als beinahe ätherische Wesen wandeln wir nicht der Lust, sondern dem labyrinthischen Launen der Gesinnungen. Punkt. Nach. Punkt.
Ist es unsere Zeit? Fragezeichen.
Wer sagt das?
Deine?
Meine? Fragezeichen.
Wir?
Ich, wir Staat oder ich, wir Individuen? Sind ich, wir beides. Punkt. Fragezeichen.
Diktiert.
Wer ist wir? Ihr?
Sein Fragezeichen: "Individualismus, der viel propagierte, wird als politisches Instrument eingesetzt. Punkt. So nach dem Motto, bist du mit dir und deiner Fragezeichen Selbstverwirklichung beschäftigt und die dient ohnehin nur der weiteren Selbstversorgung mit Fragezeichen, kannst du keine Bewegung initiieren." Punkt. Du kannst einen Eiertanz aufführen, das schon. Du kannst dich auf den Kopf stellen. Nebenbei. Punkt. Bewegung wirst du keine initiieren. Fragezeichen. Das braucht eine willige Masse, die bereit ist sich zu organisieren. Punkt. Oder eine der irgendetwas reicht. Zu viel ist. Fragezeichen. Schnauze voll. Wir organisieren unser Leben. Punkt. Individuell. Kaufen Kleider von der Stange. Individuell. Die Tierkadaver blenden wir aus. Fragezeichen. Wofür wurden sie getötet?
Die Fragezeichengenerationen vor uns waren sehr fleißig. 68iger 70iger 80iger 90iger und jetzt is nix? Das eigen gewordene Fragezeichen der 80iger Bewegung steht als weißes pulvriges Bio-etwas im Supermarktregal. Das gibt es zu kaufen. Klar. Ihr wisst das. Ohne Fragezeichen. Obwohl es auch hier einige gäbe.
Das ist aber ein anderes Fragezeichen.
Das größte eigen gewordene Fragezeichen aber ohne Punkt und ohne Pardon quält mich zutiefst. Werde ich als Biomüll enden? Dann wenn ich meine reproduktive Leistung erfüllt habe? Wenn die Zellanhäufung, die ich bin, die Reorganisation meines Organismuses beginnt zu verweigern, ich eigen gewordenes Fragezeichen nicht mehr im Hamsterrad laufen können werde. Na dann. Ausgesondert. Punkt. Aber zu Fragezeichen. Anderen. Heimtückisches Fragezeichen nach der Existenz des Semikolon. Oder nach seinem Verbleib. Punkt. Strichpunkt. Fragezeichenkonditionierung. Ist es parteiisch oder nicht? Fragezeichen. Neigt es zu einem Satzteil mehr und zum anderen weniger. Lob- oder Tadelfragezeichen? Fragezeichen sinngemäß. Klärt es die Fronten oder hält es zwei gleichwertige Teile in der Waage? Einfacher ausgedrückt: Eigen gewordenes Doppelpunkt Moralfragezeichen. Machen uns Lob und Tadel regierbar? Wann wird die Regierung das Semikolon streichen. Legislativ. Fragezeichen. Aus unserem Gebrauch. Punkt. Ein eigen gewordenes Fragezeichen beschäftigt mich des weiteren. Periodisch wiederkehrend. Arrogant aufgeblähtes Fragezeichen. Detail am Rande. Wer wird all den Fragezeichenmüll entsorgen. Fragezeichen. Deponie?
Die Gattungen von Fragezeichen nehmen zu. Vermehren sich in Windeseile. Beängstigend. Die Züchtungen werden vielfältiger. Auch schon zum Verkauf angeboten. Im Kopf. Am Schwarzmarkt versteht sich. Eine neue Ideologie. Ich, Du, Wir Gesellschaft. Selbstverwirklicher. Zusammenschluss. Strategisch.
Das ist ihnen auch schon aufgefallen. Fragezeichen. Inizieren eine neue Bewegung. Ansteckend. Möglich. Unter anderen Umständen. Vielleicht. Punkt.
Ein Fragezeichen gibt es da noch. Wahrhaft gigantisch eigen gewordenes Fragezeichen. Wozu all die Mühe. Punkt. Kein Fragezeichen.

© Mona May Okt. 2003
Die Lemmingbucht

Eisig kalt pfeift der Wind durch die nördlich gelegenen Bucht, die sich bei Leeka, einer kleinen Insel, die beinahe an Norwegen anstößt, weit ins das Nordmeer hineinzieht.
Die zwielichtigen Nebelgestalten, die übergroß aus der Bucht emporwachsen, schweben und umschlingen sich, werden vom fauchenden Nordwind hin- und hergeschoben. Sie formen die seltsamsten Gebilde, um sich dann dampfend und rollend in die offene See zu ergießen.
Die frostigen Elemente schmiegen sich hier aneinander. Die gefrorene Luft, nicht einzuatmen, tänzelt auf der dünnen Eisschicht, spitz zischend auf und ab.

Weit ab sind Schritte zu hören, und das Knirschen und Stöhnen, hervorgerufen durch das abwechselnde Aufsetzen der Füße und das damit verbundene übertragen des Körpergewichtes, breitet sich eilend über die splitternde Schneedecke aus. Die Frau, deren Füße in schweren, felligen Lederstiefeln stecken, scheint im dunklen Grauen des Morgens wie verloren. Ihre Hände bohren sich tief in die Taschen der filzigen braunen Jacke, die um die Taille von einem fettigen Lederband zusammengehalten wird.
Um den Kopf windet sich dicker Wollstoff, der die Stirn mit einhüllt, sich dann an die Wangen presst und in Form einer Kreuzschlinge die Kehle und den Hals umschließt.
Ein weicher schwerer Rock fällt bis auf die Stiefelränder, an denen sich der Saum durch das ständige Auf- und Abbewegen ihres Ganges bereits abgewetzt hat. Darunter, unter dem Rock, kratzen feste Strümpfe aus Schafwolle an den Beinen.
Wie tiefe, hohle Gruben nehmen sich ihre Wangen aus. Über ihren blanken Backenknochen lugen unter den Augenlidern zugezogene Pupillen hervor. Die Augen, deren Licht und Farbe erloschen sind – zwei stechende Punkte – blitzen katzenhaft auf.

Über ihr Gesicht, das von feinen faltigen Linien durchdrungen ist, huschen wehmütige Schatten, die ihrem blässlichen Gesicht eine fast hochnäsige Noblesse verleihen. Ihr verbissener, fest verschlossener Mund zeugt von der nun unbeugsamen, erbosten und kämpferischen Natur ihres Wesens.

Hart kracht jetzt das Eis unter ihren Füßen, was als gläsernes Echo zurückgeworfen wird. Nein, nur nicht stehen bleiben, weiter, immer weiter, drüben leuchten die Nebelgestalten, winken ihr zu, weiter, nur nicht zögern, rufen sie und bewegen sich auf sie zu. Sie nähern sich ihr, schmeicheln sich ihr entgegen. Ein fahriger Windstoß wirft sie dann zurück, bringt sie zum Taumeln, und wie von einem Fausthieb getroffen sinken sie in ihrer Leibesmitte ein, zerzausen und stoben davon.

Sie beschleunigt ihren Schritt. Der Wind hebt von neuem an, fegt wie ein wild dröhnender Orkan über ihren Kopf hinweg, droht sie mitzureißen, es wird ihr unmöglich, sich noch auf den Beinen zu halten.
"Aber nein!", sie darf nicht stürzen, sie darf in sich nicht für einen Moment lang nachgiebig werden oder sich einer Schwäche hingeben.
"Aber nein!", kurz zappeln ihre Arme hilflos herum, und während ihr Kopf vornüber am Brustbein aufschlägt, stemmt sie sich bereits wieder gegen den scharf tosenden Sturm.
Plötzlich, für den Bruchteil einer Sekunde, hält sie inne und starrt wie gelähmt auf das Bild, das hoch oben über ihren Augen auftaucht.
Sie sieht den riesigen Vogel. Es ist der weiße Adler, der inmitten seines Flügelschlages wie eingefroren verharrt. Dann, nach einem kurzen Augenblick, holen seine Schwingen kräftig aus, und die Flügel, deren Spannweite sich unermesslich weit auszudehnen scheint, heben sich, wölben sich nach oben, um am Umkehrpunkt zu erlahmen. Er bringt seinen Flügelschlag nicht mehr zu Ende und schießt haltlos in endlose Tiefen hinab. Jedoch - Dank der erstarrten Haltung seiner ausgebreiteten Schwingen - gleitet er dann unvermutet das letzte entscheidente Stück des Falls, um besänftigt auf einer wässrigen Oberfläche zu landen.

Beißende Kälte dringt an ihre Haut, und erst jetzt nimmt sie die Kälte wahr, von der sie umgeben ist, und gleichzeitig ist es, als würde diese Kälte von ihr ausströmen. Die Vision des Adlers hat sie verwirrt, und sie ängstigt sich nun. "Aber nein!" , sie darf nicht stehen bleiben, nein, sie muss weiter, sie darf in sich nicht für einen Moment lang nachgiebig
werden! Ihr Keuchen wird nicht versiegen, heftig und heiß pocht es gegen ihre Brust, während Tränen an ihren Wangen hängen bleiben, um dort zu schimmernden, kristallenen Perlen zu gefrieren.

Noch ehe der Tag angebrochen ist, will sie auf der anderen Seite der Insel angelangt sein. Sie will hinüber, an das andere Ende der Bucht, zu den Fjorden.

Die Lemminge halten dort drüben ihren Winterschlaf. Sie haben ihre pelzigen, mausartigen Körper aneinander gebettet und sobald das Eis zu schmelzen beginnt, werden ihre kleinen Körper zu zucken beginnen. Sie werden sich räkeln und langsam erwachen. Nach dem Erwachen werden sie mit ihren winzigen kralligen Pfoten durch ihr Fell streichen, sie werden ihre Ohren säubern und ihre Barthaare langziehen. Mit ihren kleinen stupsenden Nasen werden sie sich einen Weg aus ihren Winterbehausungen hinaus ins Freie suchen.

Sie ist seit gestern morgen unterwegs. Sie weiß nicht mehr, warum sie so drängend fort wollte, warum sie sich so hastig davonmachte. Gegen diese schmerzende, rufende Sehnsucht von der sie einige Tage zuvor befallen wurde, die sie zwang aufzubrechen, konnte sie sich nicht wehren. Sie war ihr ausgeliefert.
Die Menschen im Dorf werden keine Ahnung haben, was sie davongetrieben hat, was sie aus der Enge ihres Lebens aufgerüttelt hat. Ringend um Standhaftigkeit. Was sie dazu brachte, in einer dieser eiskalten Nächte ihr Haus, ihren Mann, ihre Kinder und das Dorf zu verlassen.
Sie, die Zeit ihres Lebens von keiner großen Leidenschaft ergriffen war, sie, die immer ihren Pflichten, gemäß dem Rang, den sie im Dorf einnahm, nachkam, wurde mit einer von ihr noch nie erlebten Wucht, von einer beklemmenden Agonie getroffen, die kein Zurück und keinen Ausweg kannte.

"Es gibt keinen Weg zurück, der Weg zurück ist ein Weg im Kreis!"

Das Bild des Schneeadlers ist längst verblasst. Was hätte es auch für einen Sinn, sich noch länger darüber aufzuhalten oder sich mit quälenden Fragen über die Dinge, die Geschehen zu beunruhigen. Zu viele Gedanken würden sie nur behindern, sie würden ihren Schritt verlangsamen und ihr Ziel würde in eine unerreichbare Ferne rücken. Zum Schluss würde sie noch den Wunsch verspüren umzukehren, und dann wäre alles vergebens gewesen, der beschwerliche Weg umsonst zurückgelegt worden sein.

In dem kleinen Dorf, das sie gestern verlassen hat, würden sie alle mit neugierigen Blicken verfolgen und kaum, dass sie diesen neugierigen Blicken den Rücken zugekehrt hätte, würde ein wisperndes, bösartiges Getuschel hinter ihr einsetzen. Später dann würde sich das ganze Dorf zusammenschließen und sich in ein ausgrenzendes Schweigen hüllen, das sie mit jedem Tag mehr aus der Dorfgemeinschaft ausstoßen würde. Sie wäre eine die man meidet. Eine Gemiedene.

"Es gibt keinen Weg zurück, der Weg zurück ist ein Weg im Kreis!"

Bald wird das erste, zarte Licht der Sonne, den Tag bringen, sie wird den Morgen in einen milchigen Glanz kleiden. Sie muss sich beeilen, denn der hereinbrechende Tag ist hinter ihr her.
Sie will den Tag empfangen!
Stolz und ruhig wird sie sich ihm entgegenwerfen, und wenn ihr Atem am Verebben ist, wird dieser Tag ihr gehören, ihr ganz alleine. Er wird sie zärtlich umfassen, und während die pralle Wintersonne aufsteigt, wird alles in ihrem goldenen, gleißenden Fluten erstrahlen.
Niemand wird sie mehr stören können. Sie wird am anderen Ende der Bucht angelangt sein. Sie wird drüben bei den Fjorden sein. Selbst die Lemminge werden noch nicht aus ihrem Winterschlaf erwacht sein.

© Mona May 1996
Der Mann und das Dorf

Es lebte einmal ein Mann, der war sehr arm, und da die Menschen in dem Dorf, in dem der Mann lebte, ebenfalls sehr arm waren, kam es ihm ganz normal vor, so zu leben, wie er es tat.
Seine Kleidung bestand, wie bei den anderen Dorfbewohnern aus einem Mantel und einem Paar Schuhe. Die trug er des Winters und des Sommers. Er hatte sich, wie alle anderen Dorfbewohner daran gewöhnt, dass er im Winter fror und es ihm im Sommer zu heiß war.
Die Nahrung war dürftig. Das Wenige, das es zu essen gab, war eintönig und wenig schmackhaft. Doch für ihn und für die anderen Dorfbewohner - sie kannten ja nichts anderes - war es üblich sich in dieser Weise zu ernähren.
Eines Tages geschah es, dass ein Fremder vom anderen Ende der Welt in das Dorf des Mannes kam. Und da noch nie zuvor ein Fremder, das Dorf besucht hatte, bestaunten sie ihn ehrfürchtig, hielten aber Abstand zu ihm. Er war anderes als sie selbst. Seine Sprache verstanden sie kaum und das machte ihnen Angst.
Nur der eine Mann wich nicht von seiner Seite. Er fühlte sich zu dem Fremden hingezogen. Schließlich, als die Zeit des Abschiednehmens kam, schenkte ihm der Fremde einen gewöhnlichen Stein. Es war in Wirklichkeit ein sehr kostbarer Stein, aber das wusste der Mann nicht.
Als der Fremde fort war, liefen alle Dorfbewohner in der Mitte des Dorfplatzes zusammen. Dort saß der Mann und hielt den Stein in seiner geschlossenen Hand. Sie waren gekommen, um den Stein zu sehen. Der Mann öffnete seine Hand und legte den Stein auf den Boden.
Da trafen die Strahlen der Sonne auf den Stein und er begann zu funkeln, zu glitzern, zu glänzen und die prächtigsten Farben zu spiegeln. Da gerieten alle Dorfbewohner, auch der Mann, in Panik, stürzten entsetzt davon und verkrochen sich in ihren ärmlichen Hütten und verließen diese nicht mehr.
Erst am Abend, als die Sonne untergegangen war, wagten sie sich wieder aus ihren Hütten, denn das Funkeln und Glitzern, das Glänzen und die prächtigen Farbspiegelungen waren aus dem Stein gewichen. Sie taten so, als wäre der Stein nicht da. Doch am Morgen, als die Sonne zum Vorschein kam, begann das Schauspiel wieder von vorne und alle flüchteten erneut bis zum Einbruch der Dämmerung in ihre Hütten.
Am Abend traten sie, wie schon am Vortag, wieder hinaus. Am darauffolgenden Abend, war es ebenso. Es ging immer so weiter. Am Tag flüchteten sie in ihre Hütten und am Abend kamen sie wieder heraus.
Sie lebten jetzt in der Dunkelheit und taten so, als wäre der Stein nie dagewesen.

© Mona May 2000
Mahnmahl Textauszüge
1. Vier Sätze der Erinnerung

1.
In den Augen in den Deinen spiegelt sich der Glanz der Lichter der Deinen vergangene Erloschene als wiederkehrendes Bildnis der je gefühlten Liebe.

2.
In den Mündern in den Deinen ruhen die Worte der jemals gewordenen Gedanken der Deinen vergangene Vergessene als wiederkehrendes Bildnis des ohnmächtigen Zorns.

3.
In den Ohren in den Deinen kräuselt sich das Rauschen des Klangs der Stimmen der Deinen vergangene Ungehörte als wiederkehrendes Bildnis der Versäumnis.

4.
In den Knochen in den Deinen verscharren die vergewaltigten Leiber der Deinen den traurigen Blick vergangene Gewesene als wiederkehrendes Bildnis der Gewalt des Vergessens.

2. Monologe Scham und Sitte

Sprecher 1
Am Tisch der großen Gaben und der menschlichen Mitbringsel von Geschlecht zu Geschlecht weitergereicht, die Ingredienzien abgefüllt in einen großen Körpertopf. Eine Prise ängstliches Geducke und ein Schäufelchen bitterer Hohn, ein Gramm denunzierendes Geplapper und zum Drüberstreuen und Garnieren pure Angst. Hier sitzen Scham und Sitte an einem Tisch vereint, nackt wie ungewollt hat uns das Leben die Kleider des guten Geschmacks ausgezogen. So entblößt frieren wir ob der distanzierenden Nähe eines freundlichen Lächelns, das wir bemüht sind uns entgegenzubringen.

Sprecher 2
Das verordnete Lächeln von Staats wegen. Die Masken aufgesetzt. So ist es Sitte wider das errötende Gesicht. Hebt nur nicht den einen Mundwinkel zu hoch. So ist es gut! Der linke Mundwinkel etwas nach oben gehoben, der rechte etwas nach unten gezogen. Es versteht sich von selbst, es muss alles in seiner Ordnung bleiben. Ganz wie es beliebt. Lächeln da, Lächeln dort. Es muss ja eine unglaubliche Anhäufung an akkreditierender Energie verwaltet werden. Und die Menschenmengen erst, die eine schäumende nicht mindere Menge an Gedachtem produzieren, das dann verknöchert und dieses verknöcherte Denken muss dann akribisch archiviert und das Gebäude ohne Türen versiegelt werden.

3. Monolog der Verbitterung

Frieden brüllte es in mir, doch bei all meiner Rechtschaffenheit war mein Geschrei nicht tauglich und so verstummte es in mir. Mein Wille verebbte. Bald blieb nichts mehr übrig von all meinem sich aufbäumenden mich vorwärtstreibenden Streben. Gott war mir ferne gerückt. Er war aus meinen Gliedern gefahren und es half nichts, statt dessen haben sich entzweigebrochene Reden in mir breit gemacht. Ich fiel aus dem vorgegaukelten Gleichgewicht einer satten mondänen Weltanschauung – und ich fiel tief. Kaum hatte ich mich vom Sturz erholt, fasste ich nach dem Saum eines neuen Ordnungsgewandes, dessen Zipfel erwischte ich gerade noch, fortan lief ich hinten dran hängend mit. Nun dachte ich mir, sei ich eine von ihnen. Denn ich machte es mir zur Gewohnheit zu denken wie sie, mir meine Freiheit zu nehmen, indem ich der anderen Freiheit stahl. Ich wurde eine Diebin und bestahl mich selbst, indem ich dem launenhaften Wandel der Systeme mitvollzog. Je länger mein Leben dauerte, umso herber wurde mein Blick und meine Lippen dürr. Am Ende war nichts, außer ein abgestorbener Geist in einem leblosen Leib.

4. Dialog Verlorene Freiheit

Sprecherin 1
Mir hat man den Mund geraubt, den Mund der Märchen und den Mund der freien Gedanken. Ach, könnt ich nur wissen, wie es war.

Sprecher 2
Es gibt kein Zurück. Es gibt kein Entrinnen. Ist der Ausweg versperrt, wird das Intimste betatscht, des Menschen Seele und Geist, noch bevor er in seinem Körper den ersten Atemzug tut, ist sein Leben geplant, da liegt er schon auf dem Streckbett der Manipulation und die Maschinerie arbeitet an ihm. Es wird ziseliert, gefräst, geschliffen und zum Schluss werden Nägel in seinen Kopf geschlagen, die sollen den Rest an Willen und das gebrochene Herz zusammenhalten. Die Welt leidet dann an Kreaturen, die sich selbst nicht lieben und die wiederum andere Kreaturen zur Schlachtbank führen.
Einmal hat mich einer gefragt: "Was tun Sie mit Ihrer Freiheit?" Ich schüttelte nur den Kopf, ich wusste ja nicht, wovon er sprach!

© Mona May, Texte 2001
Frauenpsychogramm

Belocktes, belecktes, beschmiertes, holdes Frauenantlitz, kein Fältchen trübt die Reife Deiner Stirn, im Gewirr zwischen Duft und Geschirr immer geklont ein Lächeln, penetriert, Kind geschreit, über allem blankgeputzt die Schönheit, eitel erhaben poliert, oh ich Frau ich / die ich bin / geschnürt, geschürzt, korsettiert / Karriere geile keine Frau, während Blicke Hüften wogen, ursächlich verpönt, durchge(wetzt)setzt zu dominant, gehetzte Nagellackröte gemailt, reformbestrebender Status in polemisiertem Wortgedünkel, in Plattitüden hingeschmiegt, gerichtet durch XY Chromosomen Weltbilder, skelettiert bis auf Knochensplitter seziert, pläsierlich, nackt weinend strähnige Tränen im sumpfigen keimigen Gedärm der Generationen, beerbt, Arabesquen um den trüben Honigmund und Moralgeschnörksel / Stöckelschuh trabend, ein Getrippel zipfelt im Gehirn, krummbuckelnd gebeugt altgeworden. Jede für sich gemacht eine Königin schmachtend dahingesiecht.

Männerpsychogramm

Ego man ich Kopf, Weltachsen drehend in fürchtend Ehr, voller Machtgespiel, Bombardement home page in gnostischer Agonie und realsystemischer Cyber Space Zeit , Szenario Krieg geführt mit Schwert konvex verkehrt, erobert, fundamentalistische Null phallisches exzeptionelles Konzept Zepter als Effekt eloquent aggressiech / oh ich Mann ich / der ich bin / mir gehört die Welt zu Füßen expertiert und getreten, verheer und in end herr schaft, eine unendliche Reihe dreidimensionaler Gefühlskörper der globusdauernde Schlag eines schwindenden Herzmuskels, Freiheit über alles Du und ich selbst ich Zentrik, angespornter Bitrizepsleistungssport, das tut man gut Grenzen setzend Gefahr bemächtigend strukturell gehierachiet, fatal generöses willentliches Wollen geleistet, gescheitert totalitäres absolutes Gewicht bei Versagen / Ionenweites exportiertes atomares wissenschaftliches Begehr im Auftrag der Köpfe verbinden die Macht / in Sentimentalitäten getümmeltes Heldentum prost prustend Brüste begehrt, in Sicherheit gewiegt an Vaters rechter Hand / aufbegehrend abgemurkste Hirnrindenwindungen der Omnipotenz gebrochen im tradierten Kodex einer Money makes the World Philosophie libidinöses Hingabeverbot dann auf sexuelle Stimulans umgepolt / wo bleibt da die Liebe, die eine Träne geweint nicht sein darf. Marsch manipuliert rhythmisiert oder Matchgeheule gegrölt Bäuche unheilvoll betrachtet gewunden eingebunden in zahnlosen ohne Fleisch Greisenmündern stemmend hoch die müden Glieder. Jeder für sich gemacht ein König gebrochen zerrüttet verstümmelt.

Aus (h)eras : (h)aar
© Mona May 2000